60 years "Blow up"
- doeringphoto
- 5. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Modefotografie und Musik - Kultfilm von 1966

Es gibt viele Filme über die Fotografie. Die Swinging 60s aus der Sicht eines Modefotografen in "Blow-up" sind aber Kult. Der Film kam vor 60 Jahren in die Kinos und sorgte für einen Ansturm auf den Beruf.
Aus dem Klappentext (DVD): "Kein Film liefert ein besseres Porträt des Lebensgefühls im Mod-London : Mode, freie Liebe, Party, cooler Jugendjargon und Musik. Herbie Hancock schrieb den Sountrack und die Yardbirds sind beim Auftritt in einem Club zu sehen."
Inhalt Ist für mich eher beiläufig. Erfolgreicher Modefotograf nimmt ein Liebespaar im Park (heimlich) auf und entdeckt beim Vergrößern der Negative (Blow-up) eine Leiche auf dem Papierabzug. Das Drehbuch für den Film bestand angeblich aus nur wenigen Seiten.
Vorbild Viel spannender als der Plot selbst, sind die Sujets und Streifzüge des Hauptdarstellers (David Hemmings) durch London der 1960er Jahre. Die ekstatisch, wilden Modeshootings im Film sind legendär. Die Sujets wie Fotostudio, Musikclub, Antiquariat etc . sind treffsicher ausgewählt und authentisch. Einer der Vorbilder war der schon damals erfolgreiche David Bailey (Jahrgang 1938).
In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (2018) zum 80. Geburtstag erzählt Bailey, dass ihm sogar die Hauptrolle ursprünglich angeboten worden war. Und Sean Connery (James Bond) übrigens auch.

Models Sind u.a.: Veruschka (Gräfin) von Lehndorff, Peggy Moffitt (US-Ikone), Jill Kennington (englisches Topmodel) und Jane Birkin (französischer Star). Veruschka war damals ein bekanntes Fotomodel. Im Film spielt sie sich selbst. Es gibt gleich zu Anfang eine wilde Fotoszene, in der sich Model, Fotograf und Kamera fast ekstatisch verbinden. 1966 war das ganz schön mutig. Nackkeit ist im Film übrigens kaum zu sehen. Trotzdem erhielt "Blow-up" bei seinem Erscheinen zunächst nur eine FSK 18 Freigabe.
Musik Auf der Suche nach der geheimnisvollen Frau (Vanessa Redgrave), die er mit ihrem Liebhaber im Park fotografiert hatte, besucht Fotograf Thomas einen Szeneclub. Dort spielt gerade eine Band auf. Als ich den Film zum ersten Mal sah, dachte ich: "Wow, was für ein starker Sound", ohne die Band zu kennen. Kein Wunder, greifen hier gleich zwei der weltbesten Gittaristen bei den Yardbirds in die Seiten (Jimmy Page und Jeff Beck). Ursprünglich wollte Regisseur Antonioni "The Who" für die Clubszene verpflichten, aber die waren Produzenten Carlo Ponti anscheinend zu teuer.
Modefotografie Der 2002 verstorbene Starfotograf Helmut Newton erwähnt den Film in seiner Autobiografie auf Seite 214: "Als der Film Blow-up in die Kinos kam, musste man in die Bar du Théatre in der Avenue Montaigne (in Paris) gehen. Das Lokal war damals brechend voll mit Fotografen und Models ... . Es wimmelte von jungen Männern, die mit sechs Nikons um den Hals herumliefen, auch wenn sie keine Arbeit hatten. Alle, vor allem die Jungen, wollten Modefotografen werden. Es wurde ein richtiger Kult".

Kameras Hauptdarsteller Thomas (David Hemmings) fotografiert mit zwei ikonischen Kameramodelen. Bei den Studioaufnahmen ist mehrfach eine Hasselblad 500C (Mittelformat) mit aufgesetztem Lichtschachtsucher auf einem Stativ zu sehen. Das war quasi State of the Art bei den Werbefotografen. Bei den Outdooraufnahmen im Park und dynamischen Studioaufnahmen nutzt
er eine Nikon F (Kleinbild-Spiegelreflex), die bereits 1959 herausgekommen ist.

Studio Für die Dreharbeiten wurde John Cowans echtes Fotostudio gemietet. Das befand sich im Szeneviertel Notting Hill, 49 Princes Place. Die gezeigte Fotoausrüstung und das Studio sind also bis ins kleinste Detail authentisch. "Es war das Equipment, das wir täglich benutzten, und Antonionis Requisiteure beobachteten uns bei der Arbeit sehr genau", schreibt Cowans damaliger Assistent John Hooton in seinem Blog.
Sozialreportage Neben seiner Arbeit als Modefotograf arbeitet Hauptdarsteller Thomas an einem Schwarz-Weiß-Bildband mit gänzlich anderen Themen. So streift er mit seiner Kamera durch heruntergekommene Viertel und schläft zusammen mit Obdachlosen. Das ist ein starker Kontrast zu den luxuriös inszenierten Studio-Shootings. Auch Film-Vorbild David Bailey, der selbst in armen Verhältnissen im Londoner East End aufwuchs, kehrte oft dorthin zurück, um das Leben und die Menschen abseits des Glamours festzuhalten

Resümee: 1966 kam Blow-up in die Kinos und erhielt zunächst die strenge Altersfreigabe FSK 18 (heute FSK 16). Die ursprüngliche Fassung hat 111 Minuten Länge. Der Film wurde vielfach ausgezeichnet und gehört heute nicht nur zum Kult-Kanon für Fotografen, sondern nimmt auch in der Geschichte der (Mode)-Fotografei eine herausragende Stellung ein. Wohl kaum ein anderer Kinofilm setzt unterschiedliche Bereiche der Fotografie so gekonnt ins Bild wie Blow-up: Modefotografie, Sozialreportage, Pop Art, abstrakte Fotografie. Der Film atmet förmlich das Lebensgefühl der Swinging-Sixties in London. Einfach anschauen.


